21.10.06 // WK : "Calamari haben wir vorher nie gesehen"

Weserkurier 21.10.2006

"Calamari haben wir vorher nie gesehen"

Asylbewerber in Oldenburg werfen Lagerleitung Tricks vor / Flüchtlingsrat kritisiert Landesregierung

Von unserem Mitarbeiter Peter Ringel

OLDENBURG. Im Oldenburger Lager für Asylbewerber ist kein Ende der wochenlangen Proteste absehbar. Die Flüchtlinge boykottieren weiter das Kantinenessen und die Ein-Euro-Jobs. In ihrer Forderung nach einer dezentralen Unterbringung in den Kommunen erhielten sie gestern
Rückendeckung vom Flüchtlingsrat Niedersachsen."Das Land wendet einen Trick an, um die Flüchtlinge länger als die gesetzlich vorgeschriebenen drei Monate im Lager festzuhalten", sagt Kai Weber vom Flüchtlingsrat. Die Asylbewerber würden innerhalb der Unterkunft von der Erstaufnahmeeinrichtung in andere Bereiche des Lagers verschoben. Die Sammelunterkunft sei etwa zwei- bis dreifach teurer als die dezentrale Unterbringung, die gut 4000 Euro im Jahr pro Flüchtling koste. "Zu Abschreckungszwecken wird viel Geld zum Fenster rausgeschmissen", kritisiert Weber. Während im Jahr 2003 noch 3180 Asylbewerber auf die Kommunen verteilt worden seien, habe das Land im ersten Halbjahr 2006 nur noch 136 Flüchtlinge dezentral untergebracht.

Direkt vor dem Eingang des Lagers haben die Unterstützer der Flüchtlinge gestern zur Pressekonferenz im Zirkuszelt geladen. Der Ort ist so ungewöhnlich wie der Ablauf. "Das Lager muss weg", skandieren die Asylbewerber wiederholt. Die Forderung, selber kochen zu dürfen, wird laut beklatscht. Auf dem Podium schildern westafrikanische Flüchtlinge ihre Erfahrungen im Lager. Eine Asylbewerberin aus Togo lastet den Tod ihres Neugeborenen der langwierigen Prozedur bei der medizinischen Versorgung an. Obwohl die Hochschwangere bereits morgens von einer Blutung berichtet habe, sei sie erst spät abends im Krankenhaus behandelt worden.Eine andere Asylbewerberin berichtet, dass ihre zunehmende Erblindung erst nach langem Drängen behandelt wurde. Die Leitung der Zentralen Aufnahme- und Ausländerbehörde (ZAAB) in Oldenburg wies alle in den vergangenen Wochen erhobenen Vorwürfe einer mangelhaften medizinischen Versorgung zurück."Die Lagerleitung macht uns so viele Probleme, wie sie kann", sagt Rodrigue Atinkapakou. Zwei Monate nach seinem Asylantrag sei ihm das zweiwöchige Taschengeld von 19 Euro gestrichen worden. Damit solle er gezwungen werden, seine Papiere vorzulegen, um ihn abschieben zu können. "Wir geben nicht auf, bis sie uns wie Menschen behandeln", gibt sich der Nigerianer Jimmy Odujebe kämpferisch.

Seit Beginn der Woche ist die Polizei auf Anordnung von Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) ständig in dem Lager präsent. "Die Ruhe ist angespannt", sagt ZAAB-Leiter Christian Lüttgau. "Man spürt, dass es knistert." Der Behördenchef sieht die Front der Boykotteure bröckeln. Für ihn tragen "höchstens 30 bis 40 Asylbewerber" den Protest, andere Flüchtlinge würden drangsaliert, sich anzuschließen."Fast alle sind dabei", sagen dagegen Asylbewerber. Das Lager ist mit offiziell 550 Bewohnern voll belegt. Dennoch war der Speisesaal vorgestern Mittag gähnend leer. An dem Tag seien die Teller von 40 Asylbewerbern gefüllt worden, vor den Protesten nutzten laut Lüttgau etwa 200 Flüchtlinge pro Tag die Kantine. "Seit dem Boykott gibt es jeden Tag ein Festessen, so was wie Calamari haben wir vorher nie gesehen", sagt ein Asylbewerber aus dem Mittleren Osten.Das sei ebenso ein Versuch, den Protest zu brechen wie die Verlegung von Wortführern in andere Lager. Weil die Unterstützer der Asylbewerber gestern zu einem "Tag der offenen Tür" in dem Oldenburger Lager eingeladen hatten, verhängte die Behördenleitung eine Besuchssperre bis zum morgigen Sonntag.

nolager: